Fanprotest: Wenn die Brücken bröckeln

Ein ganz normaler Tag in der Bundesliga: Der deutsche Meister Borussia Dortmund empfängt den Rivalen Rivalen Fortuna Düsseldorf am 14. Spieltag. Flutlichtspiel. Selbst für die alteingesessenen Anhänger ist dieses Flair ein Gänsehauterlebnis. Ein volles Stadion, die Fans aus Düsseldorf stehen der Südkurve gegenüber, sage und schreibe 25.000 Anhänger der Borussia warten in der größten Fankurve Europas auf den Anpfiff, um ihr Team zum nächsten Heimsieg zu führen. Der Ball liegt am Mittelpunkt.

Schiedsrichter Deniz Aytekin nimmt letzten Kontakt zu seinen Assistenten auf und pfeift die Partie an. Sofort fällt sie auf, die Stille auf den Rängen. Anstatt mit wehenden Fahnen und lauten Fangesängen die eigene Elf nach vorne zu peitschen, herrscht unangenehme Ruhe. Die Zeit vergeht. Fünf Minuten, zehn Minuten. Es bleibt ruhig. Nach zwölf Minuten wird das Raunen lauter, die Fans scheinen aufzuwachen. Exakt nach 12 Minuten und 12 Sekunden brandet Beifall auf, die Fans erwachen und jubeln dem Treiben ihres Teams frenetisch zu. Die Normalität scheint zurückgekehrt. Doch weit gefehlt. Die 12 Minuten und 12 Sekunden stellen eine Form von Fanprotest da, wie wir ihn hierzulande so noch nicht erlebt haben. Denn nicht nur in Dortmund wurden Fanproteste gestartet, nahezu in allen Partien der 1. und 2. Bundesliga konnte man in den ersten 12 Minuten und 12 Sekunden fast eine Stecknadel fallen hören.

Der Grund für den geschlossenen Protest ist ein vom Ligaverband DFL vorgeschlagenes Konzept mit dem Namen „Sicheres Stadionerlebnis“, in dem eine Anzahl von Änderungen rund um den Spielbetrieb aufgeführt und vorgeschlagen werden. Der Inhalt und Umfang dieses Konzepts, dessen Durchführung am 12. Dezember 2012 von den 36 Profiklubs abgestimmt werden soll, hat in der Fanszene deutschlandweit für einen entsetzten Aufschrei gesorgt.

 

So könnte es künftig speziell bei so genannten Risikospielen nur die Hälfte an Gästekarten zum Kauf geben. Weil genau diese Tickets sowieso schon sehr knapp sind, würde der Preis zusätzlich in die Höhe geschraubt. Darüber hinaus soll die Sicherheit der Stadiongäste durch willkürlich durchgeführte Ganzkörperkontrollen noch erhöht werden - ein Punkt, der vielen Fans ebenfalls übel aufstößt. Alleine die Vorstellung, nur zu einem Fußballspiel gehen zu wollen und sich plötzlich bei einer Kontrolle völlig entkleiden zu müssen ist vielen Fans eine erniedrigende Vorstellung. Die ebenfalls im Konzept subtil geäußerten Zweifel an der Daseinsberechtigung von Sitzplätzen entfachte bei den Fanklubs den Drang zum Protest gegen das, was am 12. Dezember 2012 der deutschen Fankultur widerfahren könnte. Die DFL plant, mit dem Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ das angeblich in der Öffentlichkeit angekratzte Bild vom Treiben in Fußballstadien aufzupolieren.

Die Maßnahmen, die dafür getroffen werden sollen, sind jedoch mehr als fragwürdig. Ein Beispiel ist das Verteilen präventiver Stadionverbote. So kann es passieren, dass eine Person, die außerhalb eines Fußballspiels in einen Konflikt gerät oder sich gar nur in der Nähe des Unruheherds aufhielt, mit einem bundesweiten Stadionverbot versehen werden kann. Wird der Betroffene, der gerade zufällig ein Trikot seines Vereins trägt, also nur aufgrund einer Vermutung mit einem Stadionverbot belegt, so soll er sich von nun an selbst darum kümmern, seine Unschuld zu beweisen - ein Vorgang, der unserem Rechtssystem in allen Belangen widerspricht und Verurteilungen auf Verdacht ermöglicht.

Das mögliche Verbot von Fanmaterial wie Fahnen im Stadion ist ebenfalls ein Punkt des Anstoßes. Hier werden die eingesessenen Fans, die ihre Woche damit verbringen, komplexe Choreographien für ihre Kurve zu entwerfen, zum Unterschreiben eines Kodexes gezwungen. Weigern sie sich, dies zu tun, so wird ihnen in Zukunft Untersagt, jegliches Fanmaterial mit ins Stadion zu nehmen. Die Liste ist lang, zu lang für den Geschmack vieler Supporter. Die Angst geht um. Angst, dass der Gang ins Stadion künftig nicht mehr das sein könnte, für das Fußballdeutschland international soviel Anerkennung erntete: Wehende Fahnen, Stehplätze, Fangesänge aller Art und Choreographien, die in Europa teilweise ihresgleichen suchen.

 

Die Panik, künftig wie in England nur noch auf überteuerten Sitzplätzen das Spiel zu verfolgen, ohne mit den zahlreichen Fanklubs diverse Aktionen im und ums Stadion zu planen, sorgte für diesen breiten Fanprotest, in dem sich Fanklubs aller Vereine verbündeten und das Projekt „12:12 Ohne Stimme, keine Stimmung“ ins Leben riefen und durch Schweigen wohl mehr als tausend Worte erreichen. Sie wollen ihren Klubs und vor allem der DFL verdeutlichen, dass es sich beim Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ lediglich um einen Horrorkatalog handelt, der die deutsche Fankultur in seinen Grundfesten erschüttern und dem Ansehen der Bundesliga gründlich schaden würde.

Der Fanprotest am 14. Spieltag war nicht das Ende der Fahnenstange. Bis zum 12. Dezember, dem Tag der Entscheidung, stehen noch so einige Spiele auf dem Programm. Auch hier können sich die Klubs darauf einstellen, dass es im Stadion die ersten 12 Minuten und 12 Sekunden Fußball vor einer Geisterkulisse geben wird.

Der Fanprotest und die Aktionen rund um das Projekt „12:12 Ohne Stimme, keine Stimmung“ tragen bereits erste Früchte. So sind die Verantwortlichen des Hamburger Kultklubs FC St. Pauli nicht bereit, am 12. Dezember auf der DFL-Vollversammlung ihre Stimme abzugeben, da ihnen laut eigener Aussage bis dato noch ein Diskussionsprozess mit eigenen Fanvertretern zu diesem Thema fehle. Ein Fanprotest, der erste Früchte trägt und auch in den nächsten Wochen so einige Brücken bröckeln lässt.

 

von Dennis Schulte